Leseprobe

Sie können zwischen meinem Jugendbuch "Zum Teufel mit Barbie!" und dem Roman "Hinter deiner Tür" wählen oder beide lesen ...

1. Leseprobe

 

2. Leseprobe (runterscrollen)



Leseprobe aus "Hinter deiner Tür" PDF Drucken

1
Stufe für Stufe stieg ich die Gangway zum Flieger hoch. Meine Nervosität nahm mit jedem Schritt zu. Dunkle Wolken schoben sich langsam vor den rot glühenden Himmel. Wind wirbelte durch meine kurzen Locken. Mir war etwas flau im Magen. Ich warf einen letzten Blick auf das drohende Gewitter und betrat zum ersten Mal in meinem Leben ein Flugzeug. Eine Stewardess begrüßte uns freundlich:
„Bonjour madame! Bonjour monsieur!“
Jan lief hinter mir und grüßte zurück. Seine Hand lag auf meiner Schulter. Wir kämpften uns, unsere Plätze suchend, durch den engen Gang. Ständig mussten wir stehen bleiben, da irgendjemand sein Handgepäck unbedingt jetzt verstauen musste. Als ich stolperte, fing Jan mich auf.
„Wo sitzen wir denn, Schatz?“
„Siebenunddreißig B und C“, las er mit dem schwäbischen Dialekt, den ich so liebte, von der Bordkarte ab. Immer tiefer zog es uns in dieses nicht enden wollende Metallmonster. Die Luft wurde stickiger. Zweiunddreißig, vierunddreißig, sechsunddreißig. Endlich! Reihe siebenunddreißig. Schnell ließ ich mich neben einen fremden Mann in den Sitz fallen. Mit geschlossenen Augen atmete ich durch. Mein Nachbar roch nach Schweiß. Auch das noch! So tief wie möglich verkroch ich mich.


Eine Stewardess ging an uns vorbei und schloss die Gepäckfächer. Klick, klack. Klick, klack. Sie kontrollierte die Anschnallgurte und die Sitzpositionen. Die Knöpfe ihrer Bluse spannten über der Brust. Freundlich sprach sie Jan auf französisch an. Daraufhin schloss er den Gurt. Vielleicht nicht so geschickt, nach Frankreich zu fliegen, ohne französisch sprechen zu können. Aber jetzt war es eh zu spät. Das Flugzeug begann zu rollen. Es dröhnte. Eine der Flugbegleiterinnen stand im Gang und erklärte das Verhalten für einen Notfall. Sie demonstrierte mit gelangweilten Gesten Spucktüten, Sauerstoffmasken und Schwimmwesten.
Feste zog ich den Gurt nach und beobachtete, wie die Crew ihre Plätze einnahm. Das Flugzeug beschleunigte, wurde schneller und schneller und schneller. Wir wurden in den Sitz gepresst.
Nach dem Start wurde es besser. Ich entspannte mich etwas. Die Landung war ziemlich unruhig, aber schließlich hatte ich meinen ersten Flug gut überstanden.

Nachdem wir die Kontrollen hinter uns gelassen und unser Gepäck vom Transportband genommen hatten, stiegen wir in die Metro. Jans blaue Augen leuchteten, er lächelte mich an. Sein zerzaustes blondes Haar fiel ihm in die Stirn, als er sich herüberbeugte und mir einen Kuss gab.
Den Rest der Strecke legten wir zu Fuß zurück. Überall kamen Gesichter auf mich zu. Lichter flimmerten. Menschen liefen an uns vorbei. Kurze Röcke, lange Beine. Haut blitzte von riesigen Werbetafeln. Straßen und Schaufenster funkelten im Dunkeln. Die Hektik der Großstadt erfasste uns und drohte, mich zu verschlingen.
Wir kamen am Eiffelturm vorbei. Er wirkte riesig und irgendwie bizarr. Plötzlich fing es an zu blitzen. Es waren nicht die Japaner mit ihren Kameras sondern der Turm, der von oben bis unten bläulich blinkte. Wie ein moderner Weihnachtsbaum im August! Witzig. Nach zehn Minuten war das Schauspiel schon wieder vorbei. Der Eiffelturm wurde in einem sanften und gleichmäßigen Licht angestrahlt. Jan blieb stehen, zog mich zu sich heran, küsste meine Wange und wanderte langsam an ihr entlang.
„Schön, dass du mitgekommen bist“, flüsterte er mir ins Ohr, während er daran knabberte. Wie freute ich mich auf einen romantischen Abend bei Kerzenschein. Ich plante jedes Detail. Vorfreude ist doch angeblich die größte Freude. Zuerst würden wir in einem stilvollen Hotel essen und danach diesen wundervollen Kuss unter der Dusche fortsetzen. Ich sah schon das Wasser von Jans erhitztem Körper abperlen, wie wir uns auf das französische Bett stürzten, endlich Zeit füreinander hätten und grinste ihn an.
Als wir unser kleines Hotel endlich gefunden hatten, checkten wir ein und trugen die Taschen in die fünfte Etage. Es gab keinen Aufzug. Völlig außer Atem kamen wir oben an.


„Ich brauche eine Dusche.” Jan zog schon seine Hose aus.
„Ich komme mit”, rief ich und folgte ihm ins Bad. In der Dusche krabbelte eine Ameisenfamilie auf der schwarz verfärbten Fußmatte.
„Hier ist es viel zu eng, Lena.” Jan zuckte mit den Schultern und schloss die Tür. Also legte ich mich aufs Bett und wartete auf ihn. Wenige Minuten später hörte ich den Rasierer brummen. Danach kam mein Schatz nur mit einem kleinen Handtuch bekleidet aus dem Bad. Und stellte den Fernsehen an. Er zappte durch die verschiedenen französischen Programme.
Ich begann seinen Nacken zu massieren.
„Jetzt nicht”, sagte er. „Was wollen wir denn essen, Lena?”
„Du willst doch nicht mehr in die Stadt laufen, oder?” Ich sah ihn an. „Gleich nebenan habe ich einen kleinen Chinesen gesehen. Gehst du uns etwas holen?” Ich setzte mein süßestes Lächeln ein.
„Klar, mach ich. Kannst froh sein, dass ich so müde bin. Wenn wir schon mal in Paris sind, hätten wir auch noch weggehen können.” Er gähnte. Langsam zog er sich an und versteckte seinen durchtrainierten Körper unter Jeans und T-Shirt. Dann war er zur Tür hinaus.

Als ich am nächsten Morgen in unserem Hotelzimmer aufwachte, tastete ich nach meinem Schatz und griff ins Leere. Jan war schon ins Studio gegangen. Das Heißeste an dieser Nacht war die Pariser Luft gewesen. Trotz des offenen Fensters hatte ich nur wenig geschlafen, mich von der einen auf die andere Seite gewälzt, um schließlich in wirre Träume zu geraten. Der immer gleiche Albtraum begleitete mich von Nacht zu Nacht und hatte mich auch in Paris nicht vergessen. Allerdings konnte ich mich morgens nie an Detaills erinnern. Wollte ich auch nicht. Aber die Traurigkeit des Traums haftete an mir wie Schmutz unter den Schuhen. Bei Tageslicht wirkte der Raum noch winziger. Außerdem roch es nach Desinfektionsmitteln. „Das Leben ist nicht romantisch”, hörte ich die Stimme meiner Mutter noch immer deutlich.
Im Bad schaute ich in den Spiegel. Schaute wieder weg. Meine kurzen Locken standen wie immer in verschiedene Richtungen und ließen sich auch mit einem Kamm nicht bändigen. Jetzt musste erstmal ein Kaffee her! Wasserkocher und Tütchen mit Instant-Pulver standen bereit. Immerhin. Ich ließ mich aufs Bett sinken, streckte meine Beine aus, legte den Kopf auf das weiche Kissen und schlug ein Buch auf. Schnell blätterte ich die Seite um und versank in einer fremden Welt. Um mich herum war alles ruhig. Den beißenden Geruch von Desinfektionsmitteln hatte ich beinahe vergessen.

2
Als Jan am Abend endlich die Tür öffnete, sah er sehr erschöpft aus. Verärgert erzählte er, ein Model sei krank geworden. Damit hätte er jetzt ein Problem, da die Werbeagentur die Bilder für eine neue Unterwäsche-Kollektion dringend bräuchte.
„Trink erst mal einen Kaffee und ruh dich aus“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Geht nicht. Ich muss telefonieren, eine andere finden. Hier ist der Empfang zu schlecht. Ich gehe runter“, sagte er und verschwand. Manchmal konnte er wirklich kurz angebunden sein.
Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht zurück.
„So kurzfristig ist nichts zu machen. Es scheint eine Grippwelle zu herrschen. Das war es dann wohl mit meinem ersten tollen Auftrag für eine große Agentur.“ Jans Gesicht war rot angelaufen, die Stirn warf Falten. Sonst war er nicht so schnell klein zu kriegen.
„Es gibt Wichtigeres als die Arbeit. Wir sind in Paris“, sagte ich und legte meine Hand auf sein Bein. Er war heute sehr gereizt. Ein wenig Romantik würde ihn entspannen.


„Was soll denn das jetzt, Lena? Du weißt, wie wichtig der Auftrag für mich ist, wenn ich in dieser schwierigen Branche Fuß fassen will. Außerdem bin ich zum Arbeiten hier.“
„Hey, Schatz, rege dich nicht auf, wir finden schon eine Lösung!“
„Wir? Na, da bin ich aber mal gespannt. Willst du etwa einspringen?“
„Ich kann doch gar nicht modeln.“
Du, Bohnenstange? Ein Model? Dass ich nicht lache!
„Hm“, er musterte mich von Kopf bis Fuß, als würde er mich zum ersten Mal sehen. Männer können manchmal ganz schön blind sein. Gespannt wartete ich auf seine Antwort. Er konnte eigentlich nur etwas Falsches sagen. Ich sah nicht mal auf zehn Kilometer Entfernung aus wie ein Model. „Warum eigentlich nicht? Die richtigen Maße hast du ja. Meinst du, du bekommst das hin? Ist ziemlich viel Trubel dort.” Er sah mir mit dem Blick in die Augen, dem ich nicht widerstehen konnte. Das war typisch. Nie konnte ich ihm was ausschlagen.
„Hmmm. Meinst du wirklich?” Irgendetwas in mir wollte gerne dabei sein. Jans Arbeitsplatz anschauen. Diese Erfahrung mit ihm teilen. Ich nickte vorsichtig.
„Also gut. Du kommst morgen früh mit ins Studio und wir schauen, was sich machen lässt!“ Er lächelte mich an. Ging es ihm noch gut? Ich? Ein Shooting?

Am nächsten Morgen fuhren wir mit der Metro gemeinsam ins Fotostudio. An Jans Seite fiel mir vieles leichter. Er gab mir die Sicherheit, mich in der großen fremden Stadt zu bewegen, ohne in Panik zu geraten.
Im Studio angekommen, wurde ich von einer Frau begrüßt, die sich als Julie vorstellte und sogar deutsch sprach. Sie maß mich von Kopf bis Fuß, nickte Jan zu und führte mich zu einem Platz im Vorbereitungsraum. Dort wimmelte es von Menschen. Frauen mit traumhaften Maßen liefen durch die Gegend. Manche wurden geschminkt, andere zogen sich um oder standen bereits vor der Kamera. Wie hielt Jan die Hektik hier drinnen bloß aus? Darüber konnte ich nicht länger nachdenken, da Julie mich aufforderte, die Kleidung abzulegen und mich in ein Handtuch zu wickeln. Auch das noch! Worauf hatte ich mich da eingelassen? Und wo war die Umkleidekabine? Es schauten viele Menschen zu, aber ich konnte Jan jetzt unmöglich blamieren. Um also nicht aufzufallen, machte ich es wie die anderen Frauen und zog meine Jeans und das T-Shirt in Windeseile aus. Währenddessen bewunderte ich unauffällig die Körper der Models. Was hätte ich dafür gegeben, so auszusehen wie sie!
Wie konnte Jan sich konzentrieren, wenn solch schöne junge Mädchen um ihn herum liefen? Versteh einer die Männer! Konnte er wirklich Privates und Arbeit trennen?

Als ich mit dem Handtuch zurückkam, sollte ich im Stehen die Augen schließen. Julie wollte mit dem Styling beginnen. Wegen irgendwelcher Druckstellen durfte ich mich nicht mal setzen. Gespannt war ich natürlich trotzdem, da ich mich selber nie schminkte.
Einige Zeit später blickte mir ein schönes Glamour Girl aus dem Spiegel entgegen. Meine lästigen Schlupflider hatten sich in schimmernde Katzenaugen verwandelt. Julie zog mir eine dunkle Perücke über. Irre, wie die langen Haare mich veränderten. Ich hätte mich selber kaum wieder erkannt. Schließlich gab sie mir einen winzigen Stapel Wäsche.
„Zieh das bitte an, Jan wird dir alles Weitere erklären!“
„Ist das alles?“
„Diese Crème verwendest du, damit man keine Spuren von deiner Jeans sieht und die Haut schon braun schimmert. Klar?” Sie sah mich genau an.
Wie Kloßbrühe.

Meine Sorgen vergaß ich für einen Augenblick, als Jan durch die Zähne pfiff. Er stellte mich in Position und wies mich genau an: „Noch ein bisschen nach links. Dreh den Kopf und die Schulter nach links. Schau mich an! Komm, Lena, du musst in Bewegung bleiben! Rück von der Wand weg! So wird das nichts!“ Jan war in seinem Element. „Konzentrier dich auf die Kamera. Vergiss alles um uns herum. Lächeln nicht vergessen, Lena! Beweg dich, zeig, was du hast!“
Ich sah an mir herab, mein Blick streifte das champagnerfarbene Seidenhöschen, das die Scham so gerade bedeckte. Der Büstenhalter war so leicht und durchsichtig, dass ich ihn kaum spürte. Ich drückte mich enger an die Wand an meiner rechten Seite und wünschte, sie würde mich verschlucken. „Lena, komm ein Stück von der Wand weg, wirf die langen Haare mit viel Schwung nach hinten!”
Es reichte!
„Ich kann das nicht!” Schnell zog ich mir die Perücke vom Kopf und rannte aus dem Studio. Jans Rufe ignorierte ich.
Rasch zog ich T-Shirt und Jeans wieder über und hielt meinen Kopf unter den Wasserhahn, bis mich aus dem Spiegel wieder die vertraute Lena ansah.
„Was sollte das denn jetzt?” Jan kam zu mir.
„Du hast doch ein paar Aufnahmen. Ich kann das nicht!”
„Tja, ist ja wieder typisch. Hoffentlich ist wenigstens was Brauchbares dabei.” Jan klickte sich schon durch die Vorschau der Bilder. Ich wollte nur noch zurück zum Hotel. „Lena, ich brauche hier noch ein paar Stunden. Findest du alleine zurück? Du musst nur in die richtige Metro steigen! Das schaffst du doch, oder?“ Er sah mich an, als könnte ich nicht bis drei zählen.
„Klar, ich habe ja deinen Reiseführer.“
Was machst du wieder, Bohnenstange?


Die Leute schienen mich anzustarren, während ich durch die Straßen lief und versuchte, mit zittrigen Händen den Stadtplan zu lesen. Da! Ein Metro-Schild. Nur noch wenige Meter. Die Bahn fuhr gerade ein. Ich rieb die klatschnassen Hände an meiner Jeans ab und sprang auf, ging durch den Waggon und setzte mich auf einen der letzten freien Plätze. Bei jedem Halt stiegen mehr Leute zu und standen dann dicht gedrängt im Gang.
Die Jugendlichen um mich herum beobachteten mich. Sie kicherten, erst hinter vorgehaltenen Händen, schließlich hemmungslos und immer lauter. Sie hielten sich an ihren Bierflaschen fest und hörten nicht mehr auf zu lachen.
Die lachen dich aus, Bohnenstange!
Beim nächsten Stopp rannte ich sofort an ihnen vorbei aus der U-Bahn, rempelte eine Frau an, murmelte „sorry“ und lief weiter. Einfach die Straße entlang. Nur weg. Schneller und schneller und schneller.
Erst als ich keine Luft mehr bekam, blieb ich stehen. Ich hielt meine Hände an die Seite, um die Stiche zu mildern. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Für heute reichte es mir.
Ich atmete tief aus. In einer Parallelstraße von unserem Hotel war ich gelandet. Das konnte ich mithilfe des Stadtplans erkennen. Rue de irgendwas. Ich ging noch bis zur nächsten Kreuzung, bog links in die Straße ein und fand endlich unser kleines Hotel.
Völlig außer Atem von den vielen Treppenstufen ließ ich mich aufs Bett fallen und griff nach meinem Buch.

Spät am Nachmittag kam Jan zurück.
„Hi”, sagte ich. „Wir müssen zum Flughafen.”
„Hi Lena.” Er gab mir einen Kuss. „Willst du die Fotos denn gar nicht sehen?”
Ein Blick auf die Uhr verriet, dass wir spät dran waren. Die Taschen standen abreisebereit parat.
„Einige sind gut geworden! Und die Agentur hat sie angenommen. Du hast mir sehr geholfen, Lena. … Jetzt bleib doch mal stehen und schau dir die Aufnahmen an.“ Ich riskierte einen vorsichtigen Blick auf die Fotos. Wahnsinn! Die langen glatten Haare schmeichelten meinen schmalen Schultern. Der Hintergrund war dunkel und verschwommen.
„Man sieht ... mein Gesicht ... gar nicht.“ Meine Augenbrauen schossen hoch. „Man sieht nur Haare und ... und ... eine wunderschön geformte, große Brust … von der Seite. Wo kommt die denn her? Und der Hintern? Das ist nicht mein Hintern! Der da ist viel runder und dicker!“ Meine Stimme wurde immer lauter. „Was hast du mit mir gemacht?“
„Rege dich nicht auf, Lena! Wir brauchten etwas mehr Fülle, damit die Unterwäsche besser zur Geltung kommt. Wenn du wüsstest, was am Computer alles machbar ist. Schau hier, glaubst du, das ist die echte Nase von diesem Top-Model?“ Er lachte tatsächlich. Mir blieb jedes weitere Wort im Hals stecken.
Schweigend machten wir uns auf den Weg zur Metro.

Wie hätte ich ahnen können, dass der Absturz erst nach der Landung folgte?
„Übrigens, ich ziehe aus.“
Genau das waren Jans Worte. Er hatte die wichtigsten Sachen tatsächlich schon vor der Reise gepackt. Der hatte das geplant! Was sollte ich dazu noch sagen? Stumm trug er seine Kisten ins Auto. Ich saß auf meinem Koffer und sah zu. „Guck nicht so, Lena. Mach es nicht noch schwieriger.“
Schwieriger? Für wen? Er sah nicht aus, als würde es ihm schwer fallen. Er schloss die Tür hinter sich. Für immer. „Ich will wieder frei sein!“ Mehr sagte er nicht.
Bohnenstange, da hast du es! Verstehst du es endlich? Du bist nicht einmal eine Erklärung wert.
Eine halbe Stunde später hockte ich immer noch vor der Haustüre unseres Wohnblocks. Sie Sonne ging unter und färbte den Himmel in einem blassen Lila. Mein Blick streifte das Küchenfenster. Hatte der Vorhang sich bewegt? Nein, da war ja niemand, der auf mich wartete.
Das stumme Handy lag in meiner Hand. Ich fuhr mit dem Daumen über das Display. Jans Gesicht grinste mich an. Sein Blick schien mich zu durchbohren, aber ich konnte nicht damit aufhören. Meine Finger machten sich selbstständig, als wollten sie ihn wegreiben. Es tröpfelte.
Um mich herum bildeten sich allmählich kleine Pfützen. Warum spülte der Regen mich nicht weg?
Ich zitterte und fror. Jan lächelte nicht mehr.

 
Kapitel 1 aus "Zum Teufel mit Barbie!" PDF Drucken

Prolog

Liebe Mom, lieber Pa,

wenn ihr das hier lest, bin ich weit weg. Keine Ahnung wo. Ich will euch nicht wehtun, aber ich muss weg. Ich habe keine andere Wahl!

Ihr wart immer für mich da. Hab euch lieb!

Sue

 

1 »Hey Süße«

Das Klopfen gehörte nicht zum Song. Die Stimme auch nicht.

»Sue, ich muss mit dir reden!«

»Was ist denn?« Aus den Boxen dröhnte Pinks ›Funhouse‹. Sue lag auf dem Bett, löffelte Zimtjoghurt und wippte mit den Füßen zum Takt. Neben ihr funkelte der neue Laptop. Tolles Design, schwarz mit ein paar schrillen Mangastickern.

»Was ist denn, Mom?« Sie stellte die Musik leiser.

»Ich muss mit dir reden!« Die Worte drangen laut und unnachgiebig durch die geschlossene Tür.

»Okay, in zehn Minuten!« Sue drehte den Ton wieder auf und öffnete ›twitter‹. Sie fand eine Menge neuer Follower vor. Noch ein kurzer Eintrag, damit es sich auch für diese lohnte, ihr zu folgen.

manga_girl: Zimtjoghurt ist geil!

Damit wusste die Welt nun Bescheid. Kurz überflog sie die Tweets anderer, sah aber nichts Interessantes.

Auf beide Ellenbogen abgestützt, warf sie einen Blick auf das neue Terrarium neben ihrem Schreibtisch. Bella saß auf der Baumrinde und schimmerte schon etwas bläulich. Die junge Vogelspinne würde eine blaue Schönheit werden. Wegen ihr hatte es ziemlichen Stress gegeben. Dabei war Bella wirklich nicht gefährlich. Noch suchte Sue nach anderen Spinnenfans, um Erfahrungen mit ihnen über diese besondere Art mit dem komplizierten lateinischen Namen ›Poecilotheria metallica‹ auszutauschen. Sollte sie rasch nach einem passenden Forum googeln? Schon huschten ihre Hände über die Tastatur, riefen abwechselnd verschiedene Seiten auf.

Es klopfte energischer.

»Die zehn Minuten sind noch nicht um.« Sue stand trotzdem auf und öffnete die Tür. »Was gibt´s denn, Mom?« Sie ließ sich zurück aufs Bett fallen. Ihre Mutter betrat das Zimmer und setzte sich dazu. Der Laptop blieb geöffnet. So konnte sie sehen, wenn sich jemand über ICQ meldete oder ihr Nachrichten schrieb. Sue wartete auf Vanessa. Sie wollten etwas zusammen unternehmen. Endlich! Der vertraute Ton piepte, Vanis war on.

Kommst du nachher mit ins Kino Avatar schauen?, erschien auf dem Bildschirm.

»Na, ich sehe dich ja kaum noch. Wie war denn dein Tag, Liebes?« Ihre Mutter wollte ihr eine der störrischen Fransen aus dem Gesicht streichen, doch Sue zuckte zurück.

»Mom, ich bin kein kleines Mädchen mehr.« Sie schüttelte ihre kurzen Haare, die immer mal wieder in anderen Farben leuchteten. Zurzeit stand sie auf rote Strähnchen im Pony. Die betonten ihren dunklen Teint besonders gut.

»Na, das weiß ich doch. Gibt es etwas Neues?« Ihre Mutter lächelte. Fältchen umrahmten die braunen Augen.

»Nö.«

»Und die Schule?«

»Ganz okay. Was willst du eigentlich?«

»Na, in wenigen Wochen ist doch dein achtzehnter Geburtstag.«

»Ja?«

Die Mutter grinste wie ein kleines Mädchen, irgendwie geheimnisvoll und verschmitzt zugleich. »Du magst immer noch keine Überraschungen, stimmt`s?« Sie zog eine Augenbraue hoch.

»Das weißt du doch genau.« Sues Blick wurde eindringlicher. »Was hast du vor?« Sie betonte jedes Wort einzeln.

»Dein Vater und ich dachten«, ihre Mutter zögerte, zupfte irgendetwas von der Jeans und sah Sue an, »wir wollen dir eine Reise nach Thailand schenken!« Jetzt strahlte sie, als hätte sie einen Preis gewonnen. Sue war überrascht, ließ es sich aber nicht anmerken.

»Danke, nein. Gebt mir lieber das Geld für den Führerschein.« Sie wendete sich ab, als ihre Mutter weitersprach.

»Du bist alt genug, um endlich deine Wurzeln kennen zu lernen.«

»Wie oft wollt ihr das eigentlich noch versuchen? Ihr seid meine Eltern, hier ist mein Leben, und das ist mehr als genug!« Sie war lauter geworden als beabsichtigt. Aber das Thema nervte. Lieber antwortete sie Vanessa.

»Du musst ja auch nicht nach Ariya suchen.«

»Nenn sie nicht so. Wir kennen die Frau doch gar nicht!«

»Aber Ariya ist doch ihr Name. Ein hübscher übrigens. Aber beruhige dich. Die Idee, dass du deine leibliche Mutter triffst, habe ich längst aufgegeben. Allerdings könntest du das Land deiner Herkunft anschauen. Es ist wunderschön. Allein diese Strände... «

Verträumt schaute die Mutter in die Ferne. Sue ahnte, dass sie gleich wieder die alten Geschichten von der Adoption erzählen würde. Als hätte sie das nicht schon tausend Mal gehört. Sowieso schien jeder sie ständig daran erinnern zu wollen. Sie musste an diesen einen Tag im Kindergarten denken. Die anderen Kinder hatten sie gehänselt und zum Weinen gebracht.

»Du warst nicht im Bauch von deiner Mama!«

Damals spürte sie schon ihre Andersartigkeit. Sie war nicht blond und hellhäutig wie ihre Freundin Vanessa. Auch anders als ihre Eltern. Die Erzieherin Isabelle hatte sie getröstet, indem sie ihr zwei unterschiedliche Barbiepuppen zeigte: Eine mit rosiger Haut und eine, die fast aussah wie Sue. Isabella strich ihr über den Kopf und erklärte: »Schau nur, dein Gesicht sieht genau so süß aus wie das von dieser Thai-Barbie. Es ist nicht wichtig, in welchem Bauch zu warst. Deine Mama ist deine Mama. Verstehst du, Engelchen?«

Sue hatte verstanden. Sie sah vielleicht so aus wie diese Barbie, aber sie war keines dieser thailändischen Püppchen! Sie hatte mehr drauf, als hübsch auszusehen. Und Lächeln hasste sie abgrundtief. Immer diese Thailänder mit ihrem aufgesetzten Dauergrinsen.

»Liebes, interessiert dich das denn nicht?« Mom´s Stimme schien in ihrer Brust zu vibrieren.

»Doch, klar. Ich habe ja die Bildbände.« Der Bildschirmschoner ging an und zeigte Fotos von ihr und Vanessa.

Ihre Mutter stand auf. »Überlege es dir noch mal. Wir würden gemeinsam reisen.«

»Mhm. Ich gehe heute noch mit Vanessa ins Kino.« Sue tippte eine Taste auf dem Computer, damit der Bildschirmschoner verschwand. Ihre Mutter verstand das Zeichen, »ach Sue ...«, seufzte sie und verließ den Raum.

 

Sofort war Sue wieder manga_girl und loggte sich in ihrem Lieblingsnetzwerk ein. Dort fand sie Leute, die sie von ihrer alten Schule und von Partys kannte. Im Postfach warteten neue Freundschaftsanfragen. Die Namen kannte sie von einer anderen Community. Sie bestätigte alle, immerhin sollten die auch die aktuellen Bilder von ihr sehen können. Echt heiß sah sie darauf aus, mit ihrem neuen Glitzershirt und dem kurzen Jeansrock. Sue klickte sich durch ein paar Seiten, bis sie in einem Chatroom hängen blieb. Schnell überflog sie ein paar Zeilen. Nichts Interessantes und das Gespräch schien eh beendet. Das ICQ Fenster sprang auf: Mia, aus Hamburg. Die kannte sie aus einem Italienurlaub.

manga_girl: meine mom will mit mir nach thailand reisen

mia: mensch, wie cool ist das denn? deine mom ist voll nett!

manga_girl: ja, schon, aber ich will nicht und das weiß sie.

mia: nee jetzt, du willst nicht? warum denn nicht?^^

manga_girl: weiß ich auch nicht. würzburg ist doch mein zuhause. ich spreche kein wort thai.

mia: hast du angst vor thailand?

manga_girl: hm, weiß nicht, hab gar nie angst.

mia: cool, bis bald bussi, cu.

manga_girl: cu, machs gut. hf

 

Niemand mehr im ICQ on, mit dem Sue reden konnte. Sie öffnete wie gewohnt mehrere Webseiten und sprang von einem Netzwerk ins nächste. Hier fand sie viele Fotos, nette Zeilen und sammelte Flirtpoints. Siehe da, ein neuer Typ hatte sich gemeldet.

Hey Süße!

Rasch checkte sie sein Profil. Der Neue nannte sich Jimmy und hatte ein Bild von sich eingestellt: Ein lässiger Junge in Jeans grinste sie an und sah auch noch gut aus. Spontan antwortete sie ihm.